Das Mari war früher eine Kneipe für in der Gegend stationierte GIs gewesen. Ein übler dunkler Schuppen; eingerichtet mit billigen, dunklen Holzstühlen und Tischen mit Blick auf die Tanzfläche, das kleine mit Metall eingekleidete Podest und die Stange für weniger eingekleidete Tänzerinnen. Fleischbeschau pur. Darüber war für die Paarungswilligen ein Gewerbe der käuflichen Liebe. Doch nachdem die Kriegsgefahr Deutschlands vorüber und alle amerikanischen Soldaten abgezogen waren, musste sich der Wirt ein neues Geschäftsmodell überlegen. Und das tat er. Uns Teenies mit Alkoholproblem interessierte das wenig. Wir verpesteten die Luft dort drin weniger mit Zigarettenrauch als mit unseren Bierfahnen. Stehtische waren ideal. Wir konnten uns anlehnen, um nach zwei Stunden Biersuff nicht umzufallen. Und es gab noch einen kleinen Nebenraum, den die Barleute des Mari nicht einsehen konnten. Zum Frust ablassen. Aber dazu später mehr.
Steve war eine Art Pressesprecher des Alkoholismus geworden und verbreitete die frohe Botschaft von 120 Minuten Freibier unter allen Jüngern, die bereit waren, sich von dieser Götze beherrschen zu lassen. Wie immer waren Steve und ich auch an diesem Freitag die Ersten im Mari - und dachten, dass auch nicht mehr viele kommen würden. Auch gut. Mehr Gerstensaft für uns. Die Pforten zu unserer Kirche hatten noch nicht geöffnet, als mich fast der Schlag traf: Zwei Linienbusse voll mit Jugendlichen, die an den Wallfahrtsort pilgerten, um sich mit Bier zu taufen.
Steve und ich zahlten den Eintritt von unserem Taschengeld und stellten uns sofort an die Bar, um das erste Bier zu holen. Ein Glück waren wir mit dem Fahrrad da und konnten bleiben, so lange wir wollten. Da kam Michele durch die Tür. “Hase” riefen wir laut “komm rüber!” Er stellte sich neben uns und gab jedem die Hand. Hase wollte es wieder wissen. Recht so. Wir auch. Unsere Gesellschaft hatte er sich reichlich verdient. Immerhin hielt er beim Tequilla-saufen tapfer durch und mir beim Kotzen die Treue. Wir klatschten ab und ich reichte ihm ein Bier.
Auf das zweite folgte das dritte Glas. Wir führten über jeden Milliliter Alkohol genau Buch, um damit später anzugeben. Nach zwei Stunden Bierflatratesaufen waren wir voll Engländer nach einem Tag im Hofbräuhaus. Wir konnten weder gerade gehen noch stehen und torkelten nach draußen. Einer von uns fragte, wie viel denn nun auf der Liste stand? Hase meldete zehn Bier. Ich dachte mir, wenigstens zweistellig und gab ihm die Hand. Steve, zwei Köpfe kleiner als ich, meldete mir einen Pegelstand von dreizehn Bier. So kannte ich ihn. Fast wie ein Straight Flush im Poker, doch mit diesem Blatt konnte er an dem Abend nicht gegen mich gewinnen. Ich konterte mit hervorragenden siebzehn Pils und zog damit den Royal Flush des Abends. Zusammen vierzig Bier in zwei Stunden. Bis dato unser gemeinsamer Rekord.
Um sich all diese Trinkgelage und Abstürze zu leisten, hatte jeder von uns einen Nebenjob. Auch um die ganzen Handyrechnungen bezahlen zu können, schließlich musste solch ein Partynetzwerk ständig unterhalten, aktualisiert und erweitert werden. Also arbeiteten wir unter der Woche fürs Wochenende. Das war es uns wert.
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