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Donnerstag, 25. August 2011

Schuld und Sühne

Sie wollte das Licht ganz für sich: die Motte. Aber so kampflos konnte ich ihr das Feld nicht überlassen. Ich brauchte jeden einzelnen Schein zum Lesen. Dostojewski hätte es sicher auch so gewollt. Es ging alles ganz schnell: Lesezeichen eingelegt. Buchrücken über der auf der Ikea-Lampe sitzenden Motte positioniert, mit der anderen Hand die Lampe gehalten und zugeschlagen. Der Fleck auf meinem Buch: das Zeugnis meines Triumphes. Er ließ sich mit einem Taschentuch auch ganz einfach abwischen. Die Motte lag da. Auf dem Rücken. Nur die Fühler zuckten noch. Stimulierte Nervenenden im Todeskampf. Das Leben, das vom Rücken nach oben kroch und in finalen Zuckungen für immer von dieser Welt verschwand. Ich hoffe, mir geht es die nächsten Tage nicht wie Raskolnikow. Ansonsten wisst ihr ja, woher es kommt. Oder hätte ich nicht doch besser "Krieg und Frieden" nehmen sollen?

Dienstag, 23. August 2011

Das Tempo bremst Dich nur

Im Zugdepot ging es heiß her. Wie jedes Jahr stand die Verlosung der Routen an. Und die großen Lokomotiven rechneten sich die größten Chancen auf die Traumstrecke aus: Stuttgart-Wien. Jeder wollte an der Autobahn entlang sausen, den Gästen und sich den Blick auf die vielen schönen Autos schenken, die parallel zur Zuglinie entlang düsten. Dann die Schwäbische Alb hinauf, oben kurz den Ausblick genießen - und wieder hinab. Hinauf. Hinab. Die meisten Strecken waren verlost. Bis auf zwei: die heißbegehrte und die Strecke bis nach Heilbronn. Und es standen noch die junge Lok und die starke erfahrene fortschrittliche Lok bereit. Dann zog der Bahnhofsvorsteher den Zettel "Stuttgart-Wien" und Simon, die junge Lok. Alle tuschelten. "Wie kann das sein?" "Der junge Hüpfer?" "Wie unfair gegenüber dem starken Rusty." Doch das Schicksal hatte gesprochen und alle machten sich auf den Weg. Mit Vollgas legte Simon los, brauste die Alb hinauf und hinunter. Ohne Pause. Ohne Blick nach rechts und links. Wien. Endlich angekommen. Kurze Pause. Und wieder zurück. So kam die junge Lok jedes Mal total schlapp ins Depot. Am letzten Tag der Woche kam er wieder zurück, nachdem er den Aufstieg erst im 5. Anlauf geschafft hatte. Das hatte sich sofort rumgesprochen und alle tuschelten wieder: "Wir wussten doch, der schafft das nie. Wie kann man dem nur soeine Strecke geben?" Als das Gerede am lautesten war, dröhnte es aus dem dunkelsten Eck hervor. Es war Karl, die älteste Lok. Karl, der schon im Ruhestand war. "Simon! Hier her. Du musst nicht in Rekordzeit den Berg erklimmen. Oder als schnellster wieder hier sein. Du musst niemandem etwas beweisen. Dazu ist das Leben einer Lok zu kurz. Du hast die schönste Strecke. Weißt Du überhaupt, wie sie aussieht?" "Nein" schnupfte Simon.

Freitag, 19. August 2011

Hier bin ich sicher

Wer hier lebt, hat's gut: Neuhausen. Die Fildermetropole bietet Bundesliga-Handball, zwei Autobahn 8-Anschlüsse, den Flughafen in direkter Nähe, einen Edeka, der kürzlich für Generationenfreundliches Einkaufen ausgezeichnet wurde - und jede Menge Sicherheit. Erst gestern bin ich zum Bäcker meiner Kindheit gelaufen, um mal wieder von den süßen Früchten selbiger zu kosten. Zeitreise auf einem Schiff aus Zucker und Kalorien. Selten war ich besser unterwegs. Während ich so lief, kam mir ein Spargel im Spaghetti-Top entgegen. Muskelshirt kann ich nicht schreiben, weil er keine hatte. Im Arm ein junges Ding, das wohl mit ihm ging, weil es ihr Kreuzchen an der falschen Stelle gemacht hatte. Ich kann es ihr nicht verdenken. Bei dem heutigen Sprach- und Rechtschreib-Niveau, würde ich auch nicht mehr wissen, was man da ankreuzt: "Willsch mit mir gehen? Odr? Fick disch." In der anderen Hand hielt er eine Kette aus Metall, mit der sonst nur Männer aus einschlägigen Etablissements ihren animalischen Begleiter an die frische Luft führen. Aber Neuhausen ist eben auch hier Neuhausen - und statt einem PitBull oder Boxer oder Kampfhund-was weiß ich, war es eine Klobürste auf vier Beinen. Ich fand's super. Tanzenden Herzens ging ich weiter und gönnte mir beim Bäcker gleich ein zweiten Stück Kuchen. Neuhausen, meine Heimat. Ich liebe Dich. Oder wie man heute sagt: Neuhausen. Beschde, Altah.