Im Zugdepot ging es heiß her. Wie jedes Jahr stand die Verlosung der Routen an. Und die großen Lokomotiven rechneten sich die größten Chancen auf die Traumstrecke aus: Stuttgart-Wien. Jeder wollte an der Autobahn entlang sausen, den Gästen und sich den Blick auf die vielen schönen Autos schenken, die parallel zur Zuglinie entlang düsten. Dann die Schwäbische Alb hinauf, oben kurz den Ausblick genießen - und wieder hinab. Hinauf. Hinab. Die meisten Strecken waren verlost. Bis auf zwei: die heißbegehrte und die Strecke bis nach Heilbronn. Und es standen noch die junge Lok und die starke erfahrene fortschrittliche Lok bereit. Dann zog der Bahnhofsvorsteher den Zettel "Stuttgart-Wien" und Simon, die junge Lok. Alle tuschelten. "Wie kann das sein?" "Der junge Hüpfer?" "Wie unfair gegenüber dem starken Rusty." Doch das Schicksal hatte gesprochen und alle machten sich auf den Weg. Mit Vollgas legte Simon los, brauste die Alb hinauf und hinunter. Ohne Pause. Ohne Blick nach rechts und links. Wien. Endlich angekommen. Kurze Pause. Und wieder zurück. So kam die junge Lok jedes Mal total schlapp ins Depot. Am letzten Tag der Woche kam er wieder zurück, nachdem er den Aufstieg erst im 5. Anlauf geschafft hatte. Das hatte sich sofort rumgesprochen und alle tuschelten wieder: "Wir wussten doch, der schafft das nie. Wie kann man dem nur soeine Strecke geben?" Als das Gerede am lautesten war, dröhnte es aus dem dunkelsten Eck hervor. Es war Karl, die älteste Lok. Karl, der schon im Ruhestand war. "Simon! Hier her. Du musst nicht in Rekordzeit den Berg erklimmen. Oder als schnellster wieder hier sein. Du musst niemandem etwas beweisen. Dazu ist das Leben einer Lok zu kurz. Du hast die schönste Strecke. Weißt Du überhaupt, wie sie aussieht?" "Nein" schnupfte Simon.
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