Endlich wieder Freitag. Es war Winter und verdammt kalt. Wir beschlossen, uns im Jugendhaus einen reinzulöten, weil es innen warm und der Alkohol billig war. Wir lümmelten auf einer durchgesessenen Couch in der Ecke und leerten ein Hefeweizen nach dem anderen. Steve verspürte nach ein paar Gläsern einen Druck auf der Blase und ging aufs Klo um zu pissen. Nach einiger Zeit hörte ich vom Klo ein paar Schläge der Sorte “Faust auf Plastik”, wartete kurz und sah den Jugendhaus-Zivi um die Ecke kommen - mit Steve im Schlepptau. Der streng riechende Reggaezottel mit Birkenstock-Sandalen sah nicht sehr erfreut aus und kam dementsprechend schnell zur Sache: “Bier her und dann raus mit Euch. Ihr habt für heute Hausverbot.” Steve grinste nur und sagte, wir könnten auch woanders weitersaufen. Aber ich wollte nicht raus. “Hey Zottel, warum haben wir für heute Hausverbot.” Zu hoch gepokert, er saß am längeren Hebel: “Nenn’ mich nicht so, sonst kommt ihr hier nie wieder rein. Frag doch deinen Kumpel hier, warum er den Handtuchspender vermöbelt hat.” Alles klar. Jacken angezogen, Bier an der Theke abgestellt und raus in die Kälte. Steve lachte nur laut. Ich dann auch.
Aber trotz allem Gelächter: So ein Mist: Es war verdammt kalt und unser Pegelstand für einen Vollsuff noch nicht erreicht. Hier auf dem Land gab es keine Disco, nur ein paar verrauchte Kneipen. Und dort war ein Suff für uns noch unbezahlbar. Es war frustrierend. Doch wenn es nichts gibt, dann gibt es immer noch eine Tankstelle, die 24 Stunden offen hat. Unser Wallfahrtsort. Unser Zwischenstopp auf der Reise zum vollständigen Absturz. Sesam öffne Dich. Die großen Glastüren empfingen uns, als wären sie nur für diesen einen Moment installiert worden. Ein Promille-Paradies von Bier bis Brandy; von sanft bis stark. “Heute im Angebot” stand dort verführerisch auf einem Pappschild, dass in der Pyramide aus Energiedrinks steckte. Heute war unser Tag. Mal wieder. Die Leber schlug schon Purzelbäume; der Kopf war schon seit dem Jugendhaus im Stand-by-Betrieb. Wir kauften eine Flasche Wodka und ein paar Dosen Energiegetränk. “Nicht mit Alkohol mischen” sagte uns die Dose mit erhobenem Zeigefinger. Aber warum nicht? Diese Antwort blieb uns die Blechbüchse schuldig. Wir nahmen sechs Dosen. Jetzt war das einzige Hindernis aus Fleisch und Blut. Die einzige Ordnungshüterin weit und breit. Doch ihr Auftrag lautete weniger “Jugendschutz” sondern “Umsatz”. Als Kassiererin musste sie zwar im Verdachtsfall nach dem Alter fragen, aber ich war für mein Teeniealter schon in der Erwachsenengröße. Freie Bahn mit Wodka-Energie. Wir kauften den Abendfüller und setzten uns zu zweit auf die Bank vor der Tankstelle. Um das Glück perfekt zu machen, hatte uns die Kassiererin noch 2 Plastikbecker mit auf den Weg gegeben. Das hieß: Bechern ohne Ende. Was macht man nun mit dem ganzen Zeug? Trinken: klar. Aber wie schnell? Uns beschäftigte die Frage ziemlich lang und wir beschlossen, es in einem Selbstversuch herauszufinden.
Innerhalb der nächsten sieben Minuten leerten wie die Flasche Wodka und alle 6 Dosen Energiegetränk, um dann die nächste Zeit quer durch den Ort zu torkeln. Steve viel dann ein paar Schritte weiter sein Kaugummi aus dem Mund. Eigentlich nicht weiter tragisch. Immerhin hatte er sich eine ganze Packung an der Tanke geholt. Nur war er schon zu besoffen, um sich einen Neuen aus der Tasche zu holen. Also bückte er sich mit offenem Mund, steckte seinen Kopf in die schöne grüne Wiese, biss zu und hatte den Mund voll Kaugummi und Moos. Die wiedergefundene Gaumenfreude währte aber nicht lange und kurz darauf musste sich mein pflanzenfressender Kumpel unfreiwillig aber heftig übergeben. Ich lachte. Er dann auch. So stolperten wir Arm in Arm die Straßen entlang, schlugen die Zeit tot und gingen nach Hause in unser Bett, um am nächsten Tag und die nächsten Jahre noch jedem von diesem rekordverdächtigen Abend zu berichten.
Donnerstag, 30. Dezember 2010
Mittwoch, 29. Dezember 2010
3. Kapitel: Unsere Kirche: das Mari
Das Mari war früher eine Kneipe für in der Gegend stationierte GIs gewesen. Ein übler dunkler Schuppen; eingerichtet mit billigen, dunklen Holzstühlen und Tischen mit Blick auf die Tanzfläche, das kleine mit Metall eingekleidete Podest und die Stange für weniger eingekleidete Tänzerinnen. Fleischbeschau pur. Darüber war für die Paarungswilligen ein Gewerbe der käuflichen Liebe. Doch nachdem die Kriegsgefahr Deutschlands vorüber und alle amerikanischen Soldaten abgezogen waren, musste sich der Wirt ein neues Geschäftsmodell überlegen. Und das tat er. Uns Teenies mit Alkoholproblem interessierte das wenig. Wir verpesteten die Luft dort drin weniger mit Zigarettenrauch als mit unseren Bierfahnen. Stehtische waren ideal. Wir konnten uns anlehnen, um nach zwei Stunden Biersuff nicht umzufallen. Und es gab noch einen kleinen Nebenraum, den die Barleute des Mari nicht einsehen konnten. Zum Frust ablassen. Aber dazu später mehr.
Steve war eine Art Pressesprecher des Alkoholismus geworden und verbreitete die frohe Botschaft von 120 Minuten Freibier unter allen Jüngern, die bereit waren, sich von dieser Götze beherrschen zu lassen. Wie immer waren Steve und ich auch an diesem Freitag die Ersten im Mari - und dachten, dass auch nicht mehr viele kommen würden. Auch gut. Mehr Gerstensaft für uns. Die Pforten zu unserer Kirche hatten noch nicht geöffnet, als mich fast der Schlag traf: Zwei Linienbusse voll mit Jugendlichen, die an den Wallfahrtsort pilgerten, um sich mit Bier zu taufen.
Steve und ich zahlten den Eintritt von unserem Taschengeld und stellten uns sofort an die Bar, um das erste Bier zu holen. Ein Glück waren wir mit dem Fahrrad da und konnten bleiben, so lange wir wollten. Da kam Michele durch die Tür. “Hase” riefen wir laut “komm rüber!” Er stellte sich neben uns und gab jedem die Hand. Hase wollte es wieder wissen. Recht so. Wir auch. Unsere Gesellschaft hatte er sich reichlich verdient. Immerhin hielt er beim Tequilla-saufen tapfer durch und mir beim Kotzen die Treue. Wir klatschten ab und ich reichte ihm ein Bier.
Auf das zweite folgte das dritte Glas. Wir führten über jeden Milliliter Alkohol genau Buch, um damit später anzugeben. Nach zwei Stunden Bierflatratesaufen waren wir voll Engländer nach einem Tag im Hofbräuhaus. Wir konnten weder gerade gehen noch stehen und torkelten nach draußen. Einer von uns fragte, wie viel denn nun auf der Liste stand? Hase meldete zehn Bier. Ich dachte mir, wenigstens zweistellig und gab ihm die Hand. Steve, zwei Köpfe kleiner als ich, meldete mir einen Pegelstand von dreizehn Bier. So kannte ich ihn. Fast wie ein Straight Flush im Poker, doch mit diesem Blatt konnte er an dem Abend nicht gegen mich gewinnen. Ich konterte mit hervorragenden siebzehn Pils und zog damit den Royal Flush des Abends. Zusammen vierzig Bier in zwei Stunden. Bis dato unser gemeinsamer Rekord.
Um sich all diese Trinkgelage und Abstürze zu leisten, hatte jeder von uns einen Nebenjob. Auch um die ganzen Handyrechnungen bezahlen zu können, schließlich musste solch ein Partynetzwerk ständig unterhalten, aktualisiert und erweitert werden. Also arbeiteten wir unter der Woche fürs Wochenende. Das war es uns wert.
Steve war eine Art Pressesprecher des Alkoholismus geworden und verbreitete die frohe Botschaft von 120 Minuten Freibier unter allen Jüngern, die bereit waren, sich von dieser Götze beherrschen zu lassen. Wie immer waren Steve und ich auch an diesem Freitag die Ersten im Mari - und dachten, dass auch nicht mehr viele kommen würden. Auch gut. Mehr Gerstensaft für uns. Die Pforten zu unserer Kirche hatten noch nicht geöffnet, als mich fast der Schlag traf: Zwei Linienbusse voll mit Jugendlichen, die an den Wallfahrtsort pilgerten, um sich mit Bier zu taufen.
Steve und ich zahlten den Eintritt von unserem Taschengeld und stellten uns sofort an die Bar, um das erste Bier zu holen. Ein Glück waren wir mit dem Fahrrad da und konnten bleiben, so lange wir wollten. Da kam Michele durch die Tür. “Hase” riefen wir laut “komm rüber!” Er stellte sich neben uns und gab jedem die Hand. Hase wollte es wieder wissen. Recht so. Wir auch. Unsere Gesellschaft hatte er sich reichlich verdient. Immerhin hielt er beim Tequilla-saufen tapfer durch und mir beim Kotzen die Treue. Wir klatschten ab und ich reichte ihm ein Bier.
Auf das zweite folgte das dritte Glas. Wir führten über jeden Milliliter Alkohol genau Buch, um damit später anzugeben. Nach zwei Stunden Bierflatratesaufen waren wir voll Engländer nach einem Tag im Hofbräuhaus. Wir konnten weder gerade gehen noch stehen und torkelten nach draußen. Einer von uns fragte, wie viel denn nun auf der Liste stand? Hase meldete zehn Bier. Ich dachte mir, wenigstens zweistellig und gab ihm die Hand. Steve, zwei Köpfe kleiner als ich, meldete mir einen Pegelstand von dreizehn Bier. So kannte ich ihn. Fast wie ein Straight Flush im Poker, doch mit diesem Blatt konnte er an dem Abend nicht gegen mich gewinnen. Ich konterte mit hervorragenden siebzehn Pils und zog damit den Royal Flush des Abends. Zusammen vierzig Bier in zwei Stunden. Bis dato unser gemeinsamer Rekord.
Um sich all diese Trinkgelage und Abstürze zu leisten, hatte jeder von uns einen Nebenjob. Auch um die ganzen Handyrechnungen bezahlen zu können, schließlich musste solch ein Partynetzwerk ständig unterhalten, aktualisiert und erweitert werden. Also arbeiteten wir unter der Woche fürs Wochenende. Das war es uns wert.
Mittwoch, 15. Dezember 2010
2. Kapitel: Keine Gnade im Mari
Thyson hieß ab sofort Hase und saß etwas versetzt hinter uns. Was er von sich gab, konnten die Lehrer nicht in ihrem Notensystem von 1 bis 6 unterbringen. Es war purer Schwachsinn. Freitag Früh, Erdkunde und die Lehrerin mit den tätowierten Augenbrauen in Neonblau fragte in die lustlose Runde: “Die Hauptstadt von Deutschland?“ Hase: “Ich find’s hier auch ganz schön.“ Steve und ich wussten nicht, ob er das mit Absicht machte, aber es gefiel uns. Er bewarb sich hiermit offiziell für das Amt des dritten Klassenclowns. Ein neuer Reserve-Reservist. Ich drehte mich um: “Hey Hase, Dir scheint nich’ viel an Berlin zu liegen, wa?” “Halt die Fresse, Du Wichser.” Für einen potentiellen Außenseiter nahm er sich ganz schön viel raus. Es klingelte zur Pause. Endlich. Obwohl wir sowieso nichts mitbekommen hatten.
“Hase”, rief ich, “wat machste heut’ Abend? Darfste lange weg?”
“Geht dich nichts an. Ich heiße nicht Hase!”
Alle lachten und ich musste auch grinsen. Er drehte sich weg.
“Hey, Steve, heute wieder Mari?”
Steve nickte: “Standard Junge! Heute gibt’s keine Gnade!”
Das Mari war mein neuentdecktes Mekka des Jugendalkoholismus. Eine kurze Bekanntschaft hatte mich noch zu diesem Juwel des Biergenusses geführt, ehe sie unsere mehr oder weniger-Beziehung beendete. Für 7 D-Mark gab’s 2 Stunden lang Bier ohne Ende. Die düstere Kneipe befand sich einen Ort weiter; direkt an einer Bushaltestelle. Im Keller eines ehemaligen Bordells. Tabledance-Stange, Tische mit Stühlen, Stehtische mit Barhockern und eine kurze Theke, an der die Schlange der Trinkwilligen immer länger wurde.
Hase hatte sich bemüht, uns kein Interesse zu zeigen, hörte aber gespannt zu. Nach der nächsten Schulstunde kam er zu mir rüber: “Hey, geht ihr heute saufen? Nehmt ihr mich mit?” Ich grinste ihn an, sagte “Fresse, Wichser”, stand auf und lief Steve hinterher, der gerade ein Mädchen in sein Punktesystem einordnete und ihr eine 8.7 gab. Nicht übel. Hase ließ nicht locker. Er hatte die Fährte aufgenommen und meinte, er könne gut was vertragen. “Glückwunsch, Hase.“ Dann ließ ich ihn stehen. Er hatte sich aber festgebissen und zog seinen letzten Trumpf: “Ich besorg uns Tequila.” Steve hatte das Codewort gehört, drehte fast durch und sich um, schüttelte Hase die Hand und gratulierte ihm: “Du bist unser Mann!” Wir verabredeten uns nach der Schule im Jugendhaus.
In diversen Machtkämpfen hatte ich meinen Eltern klar gemacht, jeder in meinem Alter dürfe so lange weg, wie er wollte und ich wäre nun alt genug. Sie gaben mir mit den Worten nach: “Nutze unser Vertrauen bitte nicht aus.” Nein. Natürlich nicht.
Im Jugendhaus angekommen nahm ich mir auf dem Weg ins Hinterzimmer an der Theke gleich das erste Weizenbier mit. Für was geht man denn sonst nach der Schule arbeiten?! Steve war schon da. Sein Hefeweizen auch. Hase ebenso. Wir setzten uns hin, holten Salz und Zitrone aus der Tasche und fingen mit dem Tequila-Ritual an. Wir kamen aber nicht weit, da der Bus zum Mari schon in den Startlöchern stand. Wir waren die selbsternannten Jünger des Propheten Alkohol und glaubten von ganzem Herzen an unser Mission. Also los. Auf der 20-minütigen Busfahrt leerten Steve, Hase und ich die dreiviertel Flasche mexikanischen Nationalgetränks. Anschließend drückte ich mir im Mari nochmal ungefähr 6 oder 7 Pils rein, bis absolut gar nichts mehr ging. Ich schaffte es im Torkelgang gerade noch nach draußen. Dort ließ ich mich ins Gras fallen und gab den gefühlten Mageninhalt einer Woche wieder her.
Gute Säufer wissen, was zu tun ist, wenn einer von ihnen am Boden liegt. Sie nehmen das restliche Flatratesaufen noch mit und schauen dann nach ihrem Kumpel. Steve und Hase kamen also raus, halfen mir auf und stützten mich auf dem Weg zum Bus Richtung Heimat. Jeder an einer Seite. Ich stammelte “geht weg, ich kann alleine laufen” und sie ließen mich los. In dem Moment drehte sich der Mond einmal komplett um die eigene Achse und ich landete ungebremst auf dem Kiesboden. Das Loch im Schienbein habe ich heute noch. Der Bus war abgefahren und die Zwei legten mich zurück ins Gras, um weiter ihrer Mission zu folgen. Ihre hieß Saufen, meine hieß Kotzen. Mit dem letzten Bus lief dann alles glatt und wir waren wieder daheim. An der Bushaltestelle ausgestiegen - ich konnte gerade wieder einigermaßen gehen und ganze Wörter sprechen - rief ein Kumpel an und lud uns zu seiner Tequila-Party ein, die gerade in vollem Gange war. Lecker. Tequila. Vor dem Haus angekommen herrschte das totale Chaos: Boris der Bär schien genauso betrunken wie ich zu sein. Doch statt zu kotzen schmiss er einfach Gullideckel durch die Gegend. Für mich war der Abend aber gelaufen. Ich verkroch mich hinter ein Auto in der Hofeinfahrt. Endlich schlafen. Auf dem Weg dorthin verlor ich noch ungefähr fünf Mal meine tiefhängende Hose.
Stunden später öffnete ich die Augen: Um mich herum war alles schwarz und totenstill. Nur ein paar Straßenlaternen gaben mir zu verstehen, dass ich noch lebte. Niemand war mehr auf der Straße - und auch drin war Ruhe. Ich sah zu meiner Überraschung aber nicht das Haus des Kumpels, sondern das Mari: “Die haben mich liegen lassen. Solche Arschlöcher.” Ich stand auf, schaute mich ein zweites Mal um und das Mari war wieder weg. Verrückter Abend. Nichts wie heim. Nie wieder Tequila. Zumindest nicht in Silber.
“Hase”, rief ich, “wat machste heut’ Abend? Darfste lange weg?”
“Geht dich nichts an. Ich heiße nicht Hase!”
Alle lachten und ich musste auch grinsen. Er drehte sich weg.
“Hey, Steve, heute wieder Mari?”
Steve nickte: “Standard Junge! Heute gibt’s keine Gnade!”
Das Mari war mein neuentdecktes Mekka des Jugendalkoholismus. Eine kurze Bekanntschaft hatte mich noch zu diesem Juwel des Biergenusses geführt, ehe sie unsere mehr oder weniger-Beziehung beendete. Für 7 D-Mark gab’s 2 Stunden lang Bier ohne Ende. Die düstere Kneipe befand sich einen Ort weiter; direkt an einer Bushaltestelle. Im Keller eines ehemaligen Bordells. Tabledance-Stange, Tische mit Stühlen, Stehtische mit Barhockern und eine kurze Theke, an der die Schlange der Trinkwilligen immer länger wurde.
Hase hatte sich bemüht, uns kein Interesse zu zeigen, hörte aber gespannt zu. Nach der nächsten Schulstunde kam er zu mir rüber: “Hey, geht ihr heute saufen? Nehmt ihr mich mit?” Ich grinste ihn an, sagte “Fresse, Wichser”, stand auf und lief Steve hinterher, der gerade ein Mädchen in sein Punktesystem einordnete und ihr eine 8.7 gab. Nicht übel. Hase ließ nicht locker. Er hatte die Fährte aufgenommen und meinte, er könne gut was vertragen. “Glückwunsch, Hase.“ Dann ließ ich ihn stehen. Er hatte sich aber festgebissen und zog seinen letzten Trumpf: “Ich besorg uns Tequila.” Steve hatte das Codewort gehört, drehte fast durch und sich um, schüttelte Hase die Hand und gratulierte ihm: “Du bist unser Mann!” Wir verabredeten uns nach der Schule im Jugendhaus.
In diversen Machtkämpfen hatte ich meinen Eltern klar gemacht, jeder in meinem Alter dürfe so lange weg, wie er wollte und ich wäre nun alt genug. Sie gaben mir mit den Worten nach: “Nutze unser Vertrauen bitte nicht aus.” Nein. Natürlich nicht.
Im Jugendhaus angekommen nahm ich mir auf dem Weg ins Hinterzimmer an der Theke gleich das erste Weizenbier mit. Für was geht man denn sonst nach der Schule arbeiten?! Steve war schon da. Sein Hefeweizen auch. Hase ebenso. Wir setzten uns hin, holten Salz und Zitrone aus der Tasche und fingen mit dem Tequila-Ritual an. Wir kamen aber nicht weit, da der Bus zum Mari schon in den Startlöchern stand. Wir waren die selbsternannten Jünger des Propheten Alkohol und glaubten von ganzem Herzen an unser Mission. Also los. Auf der 20-minütigen Busfahrt leerten Steve, Hase und ich die dreiviertel Flasche mexikanischen Nationalgetränks. Anschließend drückte ich mir im Mari nochmal ungefähr 6 oder 7 Pils rein, bis absolut gar nichts mehr ging. Ich schaffte es im Torkelgang gerade noch nach draußen. Dort ließ ich mich ins Gras fallen und gab den gefühlten Mageninhalt einer Woche wieder her.
Gute Säufer wissen, was zu tun ist, wenn einer von ihnen am Boden liegt. Sie nehmen das restliche Flatratesaufen noch mit und schauen dann nach ihrem Kumpel. Steve und Hase kamen also raus, halfen mir auf und stützten mich auf dem Weg zum Bus Richtung Heimat. Jeder an einer Seite. Ich stammelte “geht weg, ich kann alleine laufen” und sie ließen mich los. In dem Moment drehte sich der Mond einmal komplett um die eigene Achse und ich landete ungebremst auf dem Kiesboden. Das Loch im Schienbein habe ich heute noch. Der Bus war abgefahren und die Zwei legten mich zurück ins Gras, um weiter ihrer Mission zu folgen. Ihre hieß Saufen, meine hieß Kotzen. Mit dem letzten Bus lief dann alles glatt und wir waren wieder daheim. An der Bushaltestelle ausgestiegen - ich konnte gerade wieder einigermaßen gehen und ganze Wörter sprechen - rief ein Kumpel an und lud uns zu seiner Tequila-Party ein, die gerade in vollem Gange war. Lecker. Tequila. Vor dem Haus angekommen herrschte das totale Chaos: Boris der Bär schien genauso betrunken wie ich zu sein. Doch statt zu kotzen schmiss er einfach Gullideckel durch die Gegend. Für mich war der Abend aber gelaufen. Ich verkroch mich hinter ein Auto in der Hofeinfahrt. Endlich schlafen. Auf dem Weg dorthin verlor ich noch ungefähr fünf Mal meine tiefhängende Hose.
Stunden später öffnete ich die Augen: Um mich herum war alles schwarz und totenstill. Nur ein paar Straßenlaternen gaben mir zu verstehen, dass ich noch lebte. Niemand war mehr auf der Straße - und auch drin war Ruhe. Ich sah zu meiner Überraschung aber nicht das Haus des Kumpels, sondern das Mari: “Die haben mich liegen lassen. Solche Arschlöcher.” Ich stand auf, schaute mich ein zweites Mal um und das Mari war wieder weg. Verrückter Abend. Nichts wie heim. Nie wieder Tequila. Zumindest nicht in Silber.
Dienstag, 14. Dezember 2010
Hasenfuß
So Leute, nach dem Fast-erfolg von Schildkröten-Suppe, den zahlreichen Fast-interviews und Fast-lesungen hatte ich keine Zeit, mein zweites Buch zu promoten. Da kommt mir der Blog gerade recht: In unregelmäßigen Abständen werde ich hier immer wieder Kapitel aus "Hasenfuß - Der junge Mann und das Bier" veröffentlichen. Natürlich in chronologischer Reihenfolge. Ich beginne mit der Widmung. OK, OK: und mit dem 1. Kapitel. Schon klar.
Für Steffen, Umme, Marc und das Mari. Ein Wunder, dass ich mich an all das erinnern kann.
Was wollt Ihr Wichser?
Es war der erste Tag in der neunten Klasse der Realschule. Mein bester Kumpel und ich saßen wie jedes Jahr nebeneinander, um wie jedes Jahr kurz darauf vom erstbesten Lehrer wieder getrennt zu werden. Als die Klassenlehrerin diesmal das Klassenzimmer betrat, war ihr jemand dicht auf den Fersen.
Er kam mir gleich etwas anders vor. Doch nicht verunsichert. Obwohl sein Handicap sofort ins Auge stach. Sogar als der Neuling vor der ganzen Klasse stand und sich vorstellte, war Thyson selbstsicher und sprach ohne ein Stottern oder Verschlucken. Nicht so wie ich, wenn mich ein Lehrer vor die Klasse zitierte. Meinem Kumpel fiel aber nicht auf, was ihn so anders machte - und er fragte mich, was denn mit ihm wäre? Er käme ihm so anders vor. Ich gab ihm den Hinweis, er solle sich das Gesicht des Neuen mal etwas genauer anschauen. Er schlug sich gegen die Stirn und rief “jetzt seh’ ich’s, ein Hasenfuß!“ “Du Blödmann! Das heißt 'Hasenscharte'!“
Thyson hatte uns gehört und kam auf dem Weg zu seinem Platz auf einen Besuch bei uns vorbei. "Was wollt ihr Wichser?" Wir schauten uns an. "Nichts." Für ihn war die Sache noch nicht gegessen: “Ist auch besser für euch. Vielleicht komme ich nach der Schule mit nach Hause und ficke Eure Mütter.” Dann drehte er sich um und setzte sich an einen leeren Tisch. Seine Hasenscharte schien ihn auf Angriff zu polen. Kein Wunder, er zeigte dadurch jedem und ständig die Zähne. Wütend. Pubertär. Angstlos. Anscheinend war er wie wir.
Für Steffen, Umme, Marc und das Mari. Ein Wunder, dass ich mich an all das erinnern kann.
Was wollt Ihr Wichser?
Es war der erste Tag in der neunten Klasse der Realschule. Mein bester Kumpel und ich saßen wie jedes Jahr nebeneinander, um wie jedes Jahr kurz darauf vom erstbesten Lehrer wieder getrennt zu werden. Als die Klassenlehrerin diesmal das Klassenzimmer betrat, war ihr jemand dicht auf den Fersen.
Er kam mir gleich etwas anders vor. Doch nicht verunsichert. Obwohl sein Handicap sofort ins Auge stach. Sogar als der Neuling vor der ganzen Klasse stand und sich vorstellte, war Thyson selbstsicher und sprach ohne ein Stottern oder Verschlucken. Nicht so wie ich, wenn mich ein Lehrer vor die Klasse zitierte. Meinem Kumpel fiel aber nicht auf, was ihn so anders machte - und er fragte mich, was denn mit ihm wäre? Er käme ihm so anders vor. Ich gab ihm den Hinweis, er solle sich das Gesicht des Neuen mal etwas genauer anschauen. Er schlug sich gegen die Stirn und rief “jetzt seh’ ich’s, ein Hasenfuß!“ “Du Blödmann! Das heißt 'Hasenscharte'!“
Thyson hatte uns gehört und kam auf dem Weg zu seinem Platz auf einen Besuch bei uns vorbei. "Was wollt ihr Wichser?" Wir schauten uns an. "Nichts." Für ihn war die Sache noch nicht gegessen: “Ist auch besser für euch. Vielleicht komme ich nach der Schule mit nach Hause und ficke Eure Mütter.” Dann drehte er sich um und setzte sich an einen leeren Tisch. Seine Hasenscharte schien ihn auf Angriff zu polen. Kein Wunder, er zeigte dadurch jedem und ständig die Zähne. Wütend. Pubertär. Angstlos. Anscheinend war er wie wir.
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