Share your wealth with robzn

Mittwoch, 15. Dezember 2010

2. Kapitel: Keine Gnade im Mari

Thyson hieß ab sofort Hase und saß etwas versetzt hinter uns. Was er von sich gab, konnten die Lehrer nicht in ihrem Notensystem von 1 bis 6 unterbringen. Es war purer Schwachsinn. Freitag Früh, Erdkunde und die Lehrerin mit den tätowierten Augenbrauen in Neonblau fragte in die lustlose Runde: “Die Hauptstadt von Deutschland?“ Hase: “Ich find’s hier auch ganz schön.“ Steve und ich wussten nicht, ob er das mit Absicht machte, aber es gefiel uns. Er bewarb sich hiermit offiziell für das Amt des dritten Klassenclowns. Ein neuer Reserve-Reservist. Ich drehte mich um: “Hey Hase, Dir scheint nich’ viel an Berlin zu liegen, wa?” “Halt die Fresse, Du Wichser.” Für einen potentiellen Außenseiter nahm er sich ganz schön viel raus. Es klingelte zur Pause. Endlich. Obwohl wir sowieso nichts mitbekommen hatten.

“Hase”, rief ich, “wat machste heut’ Abend? Darfste lange weg?”
“Geht dich nichts an. Ich heiße nicht Hase!”
Alle lachten und ich musste auch grinsen. Er drehte sich weg.
“Hey, Steve, heute wieder Mari?”
Steve nickte: “Standard Junge! Heute gibt’s keine Gnade!”

Das Mari war mein neuentdecktes Mekka des Jugendalkoholismus. Eine kurze Bekanntschaft hatte mich noch zu diesem Juwel des Biergenusses geführt, ehe sie unsere mehr oder weniger-Beziehung beendete. Für 7 D-Mark gab’s 2 Stunden lang Bier ohne Ende. Die düstere Kneipe befand sich einen Ort weiter; direkt an einer Bushaltestelle. Im Keller eines ehemaligen Bordells. Tabledance-Stange, Tische mit Stühlen, Stehtische mit Barhockern und eine kurze Theke, an der die Schlange der Trinkwilligen immer länger wurde.

Hase hatte sich bemüht, uns kein Interesse zu zeigen, hörte aber gespannt zu. Nach der nächsten Schulstunde kam er zu mir rüber: “Hey, geht ihr heute saufen? Nehmt ihr mich mit?” Ich grinste ihn an, sagte “Fresse, Wichser”, stand auf und lief Steve hinterher, der gerade ein Mädchen in sein Punktesystem einordnete und ihr eine 8.7 gab. Nicht übel. Hase ließ nicht locker. Er hatte die Fährte aufgenommen und meinte, er könne gut was vertragen. “Glückwunsch, Hase.“ Dann ließ ich ihn stehen. Er hatte sich aber festgebissen und zog seinen letzten Trumpf: “Ich besorg uns Tequila.” Steve hatte das Codewort gehört, drehte fast durch und sich um, schüttelte Hase die Hand und gratulierte ihm: “Du bist unser Mann!” Wir verabredeten uns nach der Schule im Jugendhaus.

In diversen Machtkämpfen hatte ich meinen Eltern klar gemacht, jeder in meinem Alter dürfe so lange weg, wie er wollte und ich wäre nun alt genug. Sie gaben mir mit den Worten nach: “Nutze unser Vertrauen bitte nicht aus.” Nein. Natürlich nicht.

Im Jugendhaus angekommen nahm ich mir auf dem Weg ins Hinterzimmer an der Theke gleich das erste Weizenbier mit. Für was geht man denn sonst nach der Schule arbeiten?! Steve war schon da. Sein Hefeweizen auch. Hase ebenso. Wir setzten uns hin, holten Salz und Zitrone aus der Tasche und fingen mit dem Tequila-Ritual an. Wir kamen aber nicht weit, da der Bus zum Mari schon in den Startlöchern stand. Wir waren die selbsternannten Jünger des Propheten Alkohol und glaubten von ganzem Herzen an unser Mission. Also los. Auf der 20-minütigen Busfahrt leerten Steve, Hase und ich die dreiviertel Flasche mexikanischen Nationalgetränks. Anschließend drückte ich mir im Mari nochmal ungefähr 6 oder 7 Pils rein, bis absolut gar nichts mehr ging. Ich schaffte es im Torkelgang gerade noch nach draußen. Dort ließ ich mich ins Gras fallen und gab den gefühlten Mageninhalt einer Woche wieder her.

Gute Säufer wissen, was zu tun ist, wenn einer von ihnen am Boden liegt. Sie nehmen das restliche Flatratesaufen noch mit und schauen dann nach ihrem Kumpel. Steve und Hase kamen also raus, halfen mir auf und stützten mich auf dem Weg zum Bus Richtung Heimat. Jeder an einer Seite. Ich stammelte “geht weg, ich kann alleine laufen” und sie ließen mich los. In dem Moment drehte sich der Mond einmal komplett um die eigene Achse und ich landete ungebremst auf dem Kiesboden. Das Loch im Schienbein habe ich heute noch. Der Bus war abgefahren und die Zwei legten mich zurück ins Gras, um weiter ihrer Mission zu folgen. Ihre hieß Saufen, meine hieß Kotzen. Mit dem letzten Bus lief dann alles glatt und wir waren wieder daheim. An der Bushaltestelle ausgestiegen - ich konnte gerade wieder einigermaßen gehen und ganze Wörter sprechen - rief ein Kumpel an und lud uns zu seiner Tequila-Party ein, die gerade in vollem Gange war. Lecker. Tequila. Vor dem Haus angekommen herrschte das totale Chaos: Boris der Bär schien genauso betrunken wie ich zu sein. Doch statt zu kotzen schmiss er einfach Gullideckel durch die Gegend. Für mich war der Abend aber gelaufen. Ich verkroch mich hinter ein Auto in der Hofeinfahrt. Endlich schlafen. Auf dem Weg dorthin verlor ich noch ungefähr fünf Mal meine tiefhängende Hose.

Stunden später öffnete ich die Augen: Um mich herum war alles schwarz und totenstill. Nur ein paar Straßenlaternen gaben mir zu verstehen, dass ich noch lebte. Niemand war mehr auf der Straße - und auch drin war Ruhe. Ich sah zu meiner Überraschung aber nicht das Haus des Kumpels, sondern das Mari: “Die haben mich liegen lassen. Solche Arschlöcher.” Ich stand auf, schaute mich ein zweites Mal um und das Mari war wieder weg. Verrückter Abend. Nichts wie heim. Nie wieder Tequila. Zumindest nicht in Silber.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen